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Donnerstag, 3. September 2020

Hallo Multiversum!

Über das Internet, das auch in Greifswald nicht halt macht
Im Auge des Sturms ist es immer ein wenig ruhiger als sonst irgendwo in der Nähe. Das gilt auch für Menschen, die ihren Hass aus der heimischen Basis aus in den Äther des Internets blasen. Es gibt Recherchegruppen, die uns mit authentischen Material von solchen Menschen versorgen, indem sie Screenshots machen, während sie sich sicher fühlen. In einem Screenshot einer größeren Gruppe mit über 17.000 Mitgliedern schreibt eine für Ihresgleichen bestimmt total liebenswerte Person. „Berlin muss brennen wie ein Scheiterhaufen..“. Ja, es benötigt nicht viel, sich zu potenziell tödlichen Wunschdenken hinzureißen. Friedlicher Protest ginge auch nicht mehr, worauf man gnädiger Weise hinweist.. Wir sind hier, um zu zeigen, dass man sogar ohne Protest friedlich bleiben kann. Allerdings sind wir auch realistisch. Wir könnten für Frieden demonstrieren, begnügen uns jedoch mit einer geradezu profisozialdemokratischen Attitüde, lieber einen Kompromiss anzustreben. Ein bisschen Frieden kann man durchaus fordern.


Die Leute sind voller Wut. Wut führt aber zu Hass und Hass führt zu unsäglichem Leid. Das wusste schon Yoda. Wir können heute nichts gegen diese Wut machen, wir können aber ohne schlechte Nachrichten für ein bisschen Friede auf die Straße gehen.


Seriöse Politik ist mit uns aber nicht zu machen. Wir haben, anders als es wohl viele mögen, Spaß und gute Laune mitgebracht. Wir haben oft, auch im Netz, von unseren zuständigen Ministerx und Regierungsvertreterx gehört, dies sei keine Zeit zum Feiern. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Während wir das mit den Kontaktbeschränkungen noch nachvollziehen können, hört bei uns der Spaß auf, wo der Spaß aufhören muss. Feieranlässe gibt es schließlich trotz kurzzeitiger pandemiebedingter Unregelmäßigkeiten noch immer mehr als genug. Natürlich können wir im unfassbar prüden Vorpommern nicht mit 600- Mann-starken Fetischpartys mithalten, vor allem, weil wir nicht genügend Menschen dafür mobilisieren könnten – der Wunsch nach wichtiger Zerstreuung und menschlichen Sozialkontakten (auch wenn Praktiken wie die Sache in Berlin den einen oder anderen komisch erscheinen) ist nicht leichtfertig als naiv abzutun. Und damit muss man nicht einmal auf die hohe Kultur schauen, die trotz hoher Wertschöpfung gegen die Lufthansa ausgespielt wird. Selbst eine Nacht durchzutanzen ist eine wertvolle Tätigkeit, vor allem, wenn man dadurch inneren Seelenfrieden findet.

Felix Fäcknitz, Rede auf der Demonstration mit Laternenumzug für ein kleines bisschen Frieden in Greifswald am 18.11.2020

Kriegsrhetorik ist nicht angebracht
Wenn Menschen von der Pandemie sprechen, dann sprechen sie in Kriegsrhetoriken. Einer der neueren Werbespots der Bundeszentralen zeigt daher einen älteren Vertreter, der total kreativ kriegerische Wörter in seine fiktive Jugendgeschichte verwebt. Das Sofa war die Front. Auch wir wollen uns aktiver Kriegsrhetorik bemühen und marschieren jetzt für den Frieden! Bereits zu Beginn der Pandemie hat darüber hinaus Frankreichs Präsident Macron dem Virus den Krieg erklärt. Das Virus ist davon bisher gänzlich unbeeindruckt. Er spricht von „la guerre“ gegen den Virus. Die RP-Online wettert, Corona habe Folgen wie ein Krieg. Ja aber welche Folgen hat er denn, so ein Krieg? Wir stellen uns einem inneren Kampf, bekriegen das Virus und verlieren uns in einer Rhetorik, deren Ursprung wir nicht einmal mehr erfühlen können, sollten wir nicht rein zufällig berufsbedingt in Krisengebiete reisen. Für uns ist die Pandemie eine notwendige Krise, aber kein Krieg.


Krieg, so habe ich letztens erst gehört, wird eingesetzt, wenn wir versuchen, ein unfassbares Grauen fassbar zu machen. Aber Leute: Nach 70 Jahren Frieden ist der Krieg selbst unfassbar geworden! Das internationale Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen schreibt in einem Blogbeitrag, die Kriegssprache führt zu Erwartungen. Unbedingter Gehorsam, Homogenität, etc. Für eine Gesellschaft sind aber Nachsicht, soziale Wärme, kreative Lösungen, Selbstständigkeit und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen essenziell. Corona ist eine Krankheit, kein Feind. Wir brauchen Fürsorge, keine kriegerische kalte Auseinandersetzung.


Wir brauchen Frieden. Wir brauchen ein Milieu, in dem sich kreative Lösungen entfalten können. Das schafft man nicht, wenn man damit beschäftigt ist, zum Kampf aufzufordern und aufzurüsten. Wir stehen vor neuen Problemen, die gelöst werden müssen. Wir stehen nicht vor den immer wieder aus Neue auftretenden Problemen und Logistiken des Krieges. Europa hat seit über 70 Jahren keinen Krieg mehr erlebt. Und unser Kontinent erlebt ihn auch heute nicht. Wir haben eine Krise, keinen Krieg. Wir sind hier, um Euch daran zu erinnern.

Felix Fäcknitz, Rede auf dem Marsch für ein kleines bisschen Frieden in Greifswald am 18.11.2020